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Mumien Durchleuchtet

Mehrschicht-Spiral-Computertomographie einer ägyptischen Mumie aus dem Schlossmuseum Gotha
Am 08. Juni 2010 wurde in der Radiologie des HELIOS Kreiskrankenhauses Gotha (Chefarzt Dr. Lars Jonetz-Mentzel) eine Mumie der Ägyptensammlung des Schlossmuseums Gotha mittels Mehrschicht-Spiral-Computertomographie untersucht. Die Untersuchung der Mumie aus der 22. Dynastie (ca. 945 - 800 vor unserer Zeitrechnung) erfolgte auf Vermittlung des Freundeskreises Schlossmuseum Gotha, nachdem bereits 1999 CT-Untersuchungen von verschiedenen Gothaer Mumien durchgeführt worden waren.

Nach Ankunft der Mumie im klimatisierten Transporter des Schlossmuseums wurde sie im CT-Untersuchungsraum in ihrem etwa 1,80 m langen Innensarg von der stabilisierenden Unterlage auf einem straffen Tuch vorsichtig auf den CT-Untersuchungstisch umgelagert, um sie in ihrer gesamten Größe erfassen zu können. Nach Übersichtsbildern in zwei Ebenen (sogenannten Topogrammen, siehe Abbildungen 1 und 2) wurde ein Volumendatensatz des gesamten Körpers (1269 transversale Schnittbilder a 1,25 mm, Scanzeit etwa 2 Minuten) und danach ein weiterer hochaufgelöster Volumendatensatz des Kopfes und der Halswirbelsäule (478 Bilder a 0,625 mm, Scanzeit etwa 1:30 min) jeweils mit maximal möglicher Dosis mittels Mehrschicht-Spiral-Computertomographie akquiriert. Die erhaltenen Rohdaten wurden mittels verschiedener Nachrekonstruktions-Algorithmen für Knochen-, Weichteil- und Oberflächenstrukturen bearbeitet. Aus diesen wiederum wurden durch einen in der Bildnachverarbeitung erfahrenen medizinisch-technischen Radiologieassistenten (Tino Pabst) multiplanare Reformatierungen sowie zielvolumenorientierte semitransparente und farbige 3D-Modelle erstellt und in das digitale Bildarchiv (PACS) unseres Hauses übertragen, insgesamt etwa 6000 Bilder. Die „Befundung“ erfolgte mit allen modernen Möglichkeiten der Bildbetrachtung an hochauflösenden Monitorarbeitsplätzen durch Dr. Lars Jonetz-Mentzel (Chefarzt der Radiologie) mit paläopathologischer Unterstützung durch Christian Schulz (Weiterbildungsassistent der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie) und wurde außerdem mit dem bisherigen Wissenstand über die Herkunft und die Geschichte der Mumie mit der Kustodin der Ägyptensammlung von Schloss Friedenstein Frau Uta Wallenstein abgeglichen.

Bei dem mumifizierten Leichnam handelt es sich um eine Frau mittleren Alters (30-40 Jahre). Der Schädel einschließlich Siebbein und Keilbeinhöhle ist völlig intakt, daher muss die Entnahme des Hirns über das Hinterhauptsloch erfolgt sein. Bei dieser Art des Zugangs ist es zur Verdrehung des 2. und 3. Halswirbels und zu deren Verlagerung aus ihrer ursprünglichen Lage heraus in die benachbarten Halsweichteile gekommen. Über dem Defekt am Hinterhaupt beginnt die Bettung des Körpers der Mumie auf intakte, wenig strahlendurchlässige Gebilde, wahrscheinlich Palmwedel (Abbildung 4).

Die wahre Körpergröße der Person dürfte auf etwa 1,60 bis 1,65 m zu schätzen sein, sie muß ausgehend von der gemessenen Länge der Mumie (1,55 m) aufgrund der verlagerten Halswirbel etwas korrigiert werden. Der Zahnstatus der Mumie ist sehr gut, nahezu sämtliche Zähne sind erhalten, lediglich der 1. Mahlzahn oben rechts und die beiden Backenzähne unten links fehlen, der 1. und 2. Schneidezahn oben rechts sind artifiziell in die Halsweichteile verlagert. Die Mahlzähne sind breit abgeschliffen. Um die Wurzelspitzen des 1. und 2. Backenzahns oben links findet sich eine Zerstörung der umgebenden Knochensubstanz wie bei Wurzelspitzengranulomen mit angrenzender Osteitis (Abbildung 3). Es liegt, ebenfalls wahrscheinlich artifiziell, eine komplette Unterkieferluxation nach dorsal vor.

Die Entnahme des Hirns war unvollständig, unterhalb der Oberfläche des im Rahmen der Mumifizierung eingebrachten Harzes in der mittleren Schädelgrube lassen sich schemenhaft Reste der Großhirnhemisphären erkennen (Abbildung 4).

Der Brustkorb und der Bauchraum sind eingesunken und bis auf eingebrachtes Füllmaterial nahezu leer und nicht mehr durch das Zwerchfell voneinander getrennt. Etwa im mittleren Drittel dorsal lassen sich rechts und links 2 größere ovale, relativ dichte Gebilde mit einer Binnenstruktur erkennen, welche an ein Nierenbeckenkelchsystem erinnert und welche den verbliebenen Nieren entsprechen dürften, da die alten Ägypter das Retroperitoneum nicht kannten und somit nicht entfernten (Abbildung 5). Die übrigen inneren Organe (Herz, Lungen, Leber und andere Eingeweideorgane) wurden, wie üblich, über eine nachweisbare Öffnung im linken Untermittelbauch entfernt. Hier findet sich über der Haut auf dem Defekt der Bauchmuskulatur eine Kordel um das von hier eingebrachte textile Füllmaterial.

Die zur Stabilisierung des Leichnams verwendeten Palmwedel sind insbesondere gut in den 3D-Oberflächenrekonstruktionen des Rückens sichtbar (Abbildungen 6 und 7). Diese wurden mit Binden an den Körper gewickelt. In unserem Fall fanden sich keine Schmuckgegenstände in diesen Tüchern. Die kleinen, auffallend dichten Gebilde, die immer wieder aufleuchten, sind Reste des zur Mumifizierung verwendeten Natrons. Trotz der Stabilisierung sind beide Schultern luxiert, die Schlüsselbeine, das Sternum und mehrere Rippen sind in den Brustraum verlagert, einzelne Brustwirbel stehen seitlich versetzt. Die im Übersichtsbild gut sichtbaren, vier großen Metallbügel sind nicht altägyptischer Herkunft, sondern müssen im 19. Jahrhundert zur Stabilisierung des Innensarges angebracht worden sein. Sie wurden aus den 3D-Modellen virtuell entfernt.

Die im Übersichtsbild sofort erkennbare Form des knöchernen Beckens, aus der sich normalerweise das Geschlecht leicht ablesen lässt, war in unserem Fall aufgrund einer Fraktur im ISG-nahen Anteil der rechten Beckenschaufel und einer Symphysensprengung nur eingeschränkt verwertbar. Dass es sich um eine Frau gehandelt haben muss, lässt sich jedoch eindeutig am erhaltenen Halteapparat der Organe des kleinen Beckens erkennen, wo im Schnittbild schemenhaft zwischen Harnblase und Rektum Scheide, Uterus und Adnexe auszumachen sind.

Die Lendenwirbelsäule zeigt degenerative Veränderungen im Sinne einer leichten Spondylosis deformans und Spondylartrose, auch Hüft- und Kniegelenke sind leicht degenerativ verändert. Das Fußskelett ist links unvollständig, hier sind sämtliche Zehenendglieder wahrscheinlich artifiziell exartikuliert und finden sich teilweise unter die Fußsohle verlagert. Das rechte Fußskelett ist vollständig, zwischen dem 2. und 3. Strahl ist in der Bandage eine 2 cm lange Stecknadel nachweisbar.

Über die Todesursache kann nur spekuliert werden, da ja sämtliche inneren Organe bis auf die Nieren und die Reste der Organe des kleinen Beckens außerhalb des mumifizierten Körpers in gesonderten Gefäßen, sogenannten Kanopen, aufbewahrt wurden und somit nicht in eine Gesamtbeurteilung eingehen können. Pathologische Veränderungen sind daher nur an den Zähnen und den unversehrt mumifizierten Knochen zu erheben oder an Folgen, die andere systemische Erkrankungen an den Zähnen oder Knochen hinterlassen haben könnten.

Auch diese Gothaer Mumie weist wie viele andere ägyptische Mumien Wurzelspitzengranulome mit Destruktion des angrenzenden Oberkieferknochens im Sinne einer reaktiven Ostitis auf. Inwieweit diese nun ursächlich zum Tod über eine resultierende Sepsis und Multiorganversagen geführt haben, bleibt sicher reine Spekulation. Auf jeden Fall steht der von uns akquirierte Datensatz der Mumie in der Ägyptensammlung des Schlosses Friedenstein Gotha für Vergleiche mit anderen Mehrschicht-Spiral-Computertomographien von Mumien zur Verfügung und beweist, wie Methoden der modernen Radiologie auch für Fragestellungen außerhalb der klinischen Medizin eingesetzt werden können.

 

 

 

 

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